1. Juli 2026
01.Juli 2026
Für mich selbst war es überraschend, wie viele Wendungen es im Deutschen gibt und wo überall die Mitglieder dieser Großfamilie anzutreffen sind. So schlüsselt Band 11 der Duden-Reihe mehr als 18.000 Redewendungen, Redensarten und Sprichwörter auf (5. Auflage von 2020). In der Sprachwissenschaft geht die Idiomatik den Wortprägungen, Wortverbindungen oder syntaktischen Fügungen nach, die teilweise auch aus anderen europäischen Ländern zu uns kamen. So wanderten „Bankrott erklären“ und verwandte Formen wie „vor dem Bankrott stehen“ oder „Bankrott machen“ bereits im 17. Jahrhundert aus Italien ein: Damit wurde die Zahlungsunfähigkeit eines Unternehmens verbunden (ital. banco rotto = zerbrochener Tisch eines Geldwechslers).
Doch bleiben durchaus auch Unterschiede zu unseren Nachbarn bestehen, beispielweise bevorzugen Franzosen „ein Körnchen Salz“, während in Deutschland viele gerne ungefragt „ihren Senf dazugeben“ (also einen Kommentar).
Viele Wendungen sind umgangssprachlicher Art: „Sich vom Acker machen“ stammt wohl aus früherer Zeit, als Soldaten das Truppenübungsgelände, das sie salopp „Acker“ nannten, heimlich verließen. Heute verlassen beispielsweise Gäste eine Party unauffällig, wenn sie bereits früh nach Hause gehen. Es geht auch derber (Schimpfwörter). „Jemandem in den Arsch kriechen“ meint auf vulgärsprachliche Weise, sich seinem Gegenüber in würdeloser Form anbiedern.
Außerdem ist es möglich, mit einem Substantiv bzw. zweien oder mit einer Wendung mehrere Kombinationen zu verbinden: „Strich und Faden“ stammt aus der Webersprache, wo mit „Strich“ die Webart und mit „Faden“ die Art des verwendeten Fadens gemeint war: „jemanden nach Strich und Faden fertigmachen / belügen / ausbeuten / verprügeln / reinlegen“. Gemeint ist immer, etwas besonders gründlich auszuführen, wobei es nicht um eine Glanzleistung geht.
Wendungen lockern die gesprochene wie geschriebene Sprache auf und verleihen Aussagen eine besondere Betonung, die nicht unbedingt mit der Stimmlage zu tun hat. Wenn sich jemand zum Beispiel „eine goldene Nase verdient“, so ist klar, dass er oder sie auf dem besten Weg ist, wohlhabend zu werden. Zugleich schwingt eine Missbilligung dieses Wohlstands mit, den der Sprechende als unangemessen empfindet.
Missverständnisse können dann entstehen, wenn das heraufbeschworene Bild nicht zur beabsichtigten Aussage passt, zum Beispiel „etwas in feuchte Tücher bringen“ statt „in trockene Tücher“ (etwas erfolgreich abschließen). Und statt „da streiten sich die Geister“ ist korrekt: „da scheiden sich die Geister“ (unterschiedlicher Meinung sein). Daher ist es wichtig, dass alle die Wendungen verstehen, also „auf derselben Wellenlänge sind“ (beim Funk konnten sich früher Sender und Empfänger nur hören, wenn dieselbe Wellenlänge bei beiden eingestellt war).
Bei Redewendungen und Redensarten handelt es sich um allgemein bekannte, fest verbundene Wortgruppen oder einzelne Wörter, die über ein Bild oder eine Metapher eine bestimmte Aussage anschaulich vermitteln. Häufig greifen Texterinnen und Texter auf sie zurück, um sie in abgewandelter Form für die Werbesprache zu nutzen. So erreichen sie über die überraschend veränderte Formulierung Aufmerksamkeit. Beispielsweise lautet der Slogan der Drogeriemarktkette dm: „Hier bin ich Mensch. Hier kauf ich ein.“ Um die Werte des Unternehmens zu betonen, wurde das Zitat aus Goethes Drama „Faust 1“ abgewandelt, das lautet: „Hier bin ich Mensch, hier darf ich’s sein!“
Spannend ist die Herkunft vieler Redewendungen. Ein Beispiel: Geht etwas umgangssprachlich „auf keine Kuhhaut“, dann übersteigt es das erträgliche Maß. Diese Redensart geht auf die mittelalterliche Vorstellung zurück, der Teufel führe dem Sterbenden dessen auf einem Pergament festgehaltene Sünden vor Augen. Pergament bestand damals aus der Haut von Kälbern oder Schafen, besaß also einen überschaubaren Umfang. Für besonders viele Vergehen reichte der vorhandene Platz daher nicht aus.
Doch nicht alle historischen Herleitungen dürften glaubwürdig sein. So gibt es für die bereits genannte „goldene Nase“ gleich zwei Versionen: Zum einen stand sie einst für das Körperorgan, das ein gutes Geschäft witterte, um wohlhabend zu werden. Zum anderen konnten sich im Fall einer Verstümmelung nur Reiche eine Nasenprothese leisten. Welche mag hier stimmen?
Sicher hingegen ist die Herkunft bei geflügelten Worten. Deren zentrales Kriterium ist, dass die Quelle (ein literarisches Werk) oder der Urheber (eine Persönlichkeit) allgemein bekannt ist. Der deutsche Philologe August Georg Büchmann sammelte sie erstmals für sein 1864 erschienenes Buch „Geflügelte Worte. Der Citatenschatz des Deutschen Volkes“.
Beispielsweise beruft sich das deutsche Bildungsbürgertum bevorzugt auf den bereits zitierten Goethe. „Edel sei der Mensch, hilfreich und gut!“ stammt aus seiner Ode „Das Göttliche“ und lässt sich beliebig einsetzen. Manches geflügelte Wort hält sich sogar, wenn es einer Person irrtümlich zugeschrieben wird. So ist es anscheinend nur ein Gerücht, dass der ehemalige britische Premierminister Winston Churchill auf die Frage eines Reporters, wie er sein hohes Alter erreicht habe, erwidert hat: „No sports.“ Diese Antwort zitieren Sportmuffel bis heute. Der amerikanische Schriftsteller Mark Twain ist vor allem für seinen Humor berühmt. So stammen beispielsweise diese geflügelten Worte aus seiner Feder: „Tatsachen muss man kennen, bevor man sie verdrehen kann“ oder: „Verschiebe nicht auf morgen, was auch bis übermorgen Zeit hat.“
Ein Sprichwort kommt als Lebensweisheit in einem vollständigen Satz daher. Ein belehrender Ton und ein gehobener Stil in der Formulierung sind hier die typischen Merkmale. Quelle oder Urheber eines Sprichworts ist dagegen nicht relevant. Beispiele sind: „Lügen haben kurze Beine.“ (Besser gleich ehrlich sein, die Wahrheit wird ohnehin bald bekannt sein.) „Wer zuerst kommt, mahlt zuerst.“ (Besser früh aufstehen, um möglichst vorne in der Reihe zu stehen wie seinerzeit die Bauern mit ihren Getreidesäcken vor Mühlen.) Während die einen lateinisch zitieren, zum Beispiel „In vino veritas“, übersetzen andere: „Im Wein liegt die Wahrheit.“ In betrunkenem Zustand ist jeder ehrlich und beschönigt nichts mehr.