2. Januar 2026
02.Januar 2026
Als Lektorin habe ich jeden Tag mit Fehlern in Texten zu tun: bei Rechtschreibung, Grammatik, Satzzeichen oder Zeitformen. Inhaltliche und sprachliche Fehler muss ich ebenfalls finden. Immer wieder entschuldigen sich Autoren bereits im Voraus für ihren vermeintlich schlechten Stil und viele Fehler. Manche geben auch gleich Gründe für ihr „Versagen“ an: Todesfall, Trennung, Umzug etc. Dann erkläre ich ihnen, warum sie sich nicht rechtfertigen müssen. Anders als ein Lehrer bewerte ich keine Leistung, sondern unterstütze einfach jeden, der das möchte, um Bestehendes zu verbessern. Oder kurz: Fehler sind mein Job.
Viele kennen den Autor und ehemaligen Korrektor Bastian Sick, der in seinen Büchern unterhaltsam bis humorvoll sprachliche Fehler erläutert. Den Vorwurf, sich darüber lustig zu machen, wies er zu Recht zurück. Selbstverständlich darf man über Fehler lachen, solange man nicht den Verursacher auslacht. Das ist ein Unterschied. In den sozialen Medien kursieren unzählige Fotos von falsch geschriebenen Speisekarten, Beschilderungen etc. Die Kommentare finde ich unerträglich, denn hier äußern sich häufig Menschen, die sich selbst für gebildet halten, auf herablassende Art. Dabei ist in den meisten Fällen klar: Es liegt ein Versehen wie ein Vertipper vor oder ein Ausländer hat etwas geschrieben oder jemand, der es nun mal nicht besser kann. So what!
Ich empfehle, nicht jedes Mal „Klartext zu reden“, weil dabei immer Aggressivität mitschwingt. Deutsche kokettieren gerne damit, fehlerhafte Dinge oder Situationen klar zu benennen. Es gibt zweifellos Fälle, die eine unmissverständliche Klärung der Situation erfordern. Aber nicht immer. Ein höfliches Gespräch und ein respektvoller Umgang genügen häufig, um ein paar Stellschrauben neu zu justieren und beispielsweise eine Qualitätskontrolle einzuführen. Allerdings kennt ein entspannter Umgang mit Fehlern Grenzen. Zu viele Fehler aus Nachlässigkeit oder Bequemlichkeit dürfen nicht passieren.
In den ersten Berufsjahren habe auch ich Fehler gemacht – und aus ihnen gelernt. Beispielsweise habe ich mich von Kunden zu sehr unter zeitlichen Druck setzen lassen, und dann wurde das Ergebnis zu Recht bemängelt. Das kommt seitdem nicht mehr vor, weil ich eine zu knapp bemessene Terminplanung ablehne. Ansonsten ist meine Fehlerquote äußerst gering. Nach über 20 Jahren als hauptberufliche Lektorin ist das aber auch kein Wunder.