2. März 2026
02.März 2026
Im Unterschied zur schriftlichen Standardsprache ist mit Umgangssprache unsere tägliche, meist mündliche Kommunikation gemeint. Der Duden ergänzt, sie sei „weitgehend akzeptiert“. Die Akzeptanz dürfte jedoch eine subjektive Entscheidung sein, denn beispielsweise „geil“ (ursprünglich negativ für „sexuell erregt“, gemeint ist „schön“, „toll“) klassifiziert die aktuelle Duden-Ausgabe als „ugs.“ (umgangssprachlich), die Onlineausgabe hingegen als „salopp“. Die TV-Werbung legt das Adjektiv sogar einer Seniorin in den Mund, die strahlend verkündet, „richtig geilen Scheiß“ im Ohr zu tragen – also ein Hörgerät. Neuerdings haben auch Politiker jede Scheu abgelegt: So sprach Bundesministerin Bärbel Bas (SPD) vor laufender Kamera von „Bullshit“ und Bundesminister Alexander Dobrindt (CSU) von „Scheißgesetz“.
Wissenschaftlich belegt ist eine besondere Funktion verpönter Wörter. Flüche dienen beispielsweise als eine Art Ventil, um Aggression, Frust oder Schmerz auszugleichen. Wer sich überraschend verletzt hat, dem rutscht leicht ein „Verdammt!“ heraus. Im deutschen Straßenverkehr schimpfen Männer und Frauen hinter dem Lenkrad fast gleich viel. Ihre Hitliste führt „Idiot!“ an, dann folgen „Arschloch!“ und „Penner!“, selbstverständlich mit einem Ausrufezeichen. Wenn Beleidigungen dieser Art das Innere eines Autos verlassen, kann es übrigens teuer werden: Einer Polizistin bzw. einem Polizisten „Scheißbulle“, „Wichser“, „alte Sau“ „Schlampe“ oder „fieses Miststück“ entgegenzuschleudern (um nur wenige Beispiele zu nennen), kann laut Bußgeldkatalog bis zu 2.500 Euro kosten. Gut so, denn andere Menschen zu beleidigen, ist respektlos.
Was den inzwischen verstorbenen Sprachwissenschaftler Hans-Martin Gauger dazu bewegte, sich in seinem Ruhestand ausgerechnet mit der Vulgärsprache zu beschäftigen – wir werden es nicht mehr erfahren. Dankbar entnehme ich seinem 2012 veröffentlichten Buch „Das Feuchte und das Schmutzige. Kleine Linguistik der vulgären Sprache“ einige der folgenden Informationen.
Das beliebte, aber nach wie vor derbe „Scheiße“ ist aus unserem sprachlichen Alltag nicht mehr wegzudenken. Denkwürdig ist sicher seine Fernsehpremiere 1981 in der Krimireihe „Tatort“, ausgesprochen von Götz George in seiner Rolle als Schimanski. Das Substantiv kann sich durchaus auf den eigentlichen Wortsinn „Kot“ beziehen, beispielsweise bei dem lästigen Kontakt mit der Hinterlassenschaft eines Hundes oder dem Wahrnehmen von Gestank. Es fasst zudem alles Negative in einem übergeordneten Sinn zusammen: schlechte Qualität, Unglück und anderes, das als Zumutung empfunden wird. Steckt jemand „tief in der Scheiße“, so befindet er sich in einer ausweglos erscheinenden Situation. Wird hoffentlich nicht dieselbe Person „durch die Scheiße“ gezogen, dann ist üble Nachrede gemeint. Man darf das e am Ende auch weglassen: „So ’n Scheiß.“ Das Adjektiv „scheiße“ steht ebenfalls für Negatives oder eine unverblümte Kritik: „Du siehst scheiße aus.“ Auch der flüssige Aggregatzustand aus dem Fäkalbereich hat sich sprachlich etabliert: Wenn es „pisst“, dann regnet es. Für die unmissverständliche Aufforderung, sich zu entfernen, bedarf es nur zweier Worte: „Verpiss dich!“ „Pisser“ bezieht sich allgemein abwertend auf eine männliche Person.
Durchaus in regelmäßigen Kontakt mit dem WC kommt auch der „Arsch“, für den es tatsächlich einige Synonyme gibt, die jeder verstünde: Gesäß, Hinterteil, Popo oder kurz Po. Aufgrund seiner Beliebtheit scheint die Anwendung des verwandten Schimpfworts „Arschloch“ keine Grenzen zu kennen, wenn es sich um die Bezeichnung eines (meist) männlichen Menschen handelt, dem keine Wertschätzung zukommt. Geht jemandem etwas „am Arsch vorbei“, so ist es ihm völlig egal. So auch bei: „Leck mich am Arsch!“ Betrogene fühlen sich „verarscht“, sofern sie den Betrug bemerken. Unübertroffen ist das breite Spektrum der Redewendungen in diesem Zusammenhang. Daher hier nur ein altmodisches Beispiel: „Sich auf seine vier Buchstaben setzen“ meint: „sich hinsetzen“, und zwar auf seinen Popo (= Wort mit vier Buchstaben).
Wendungen wie „Piss off“ („Verpiss dich“, „Hau ab“) und „Shit happens“ („Dumm gelaufen“) sind auch im englischsprachigen Raum geläufig. Doch im Unterschied zur deutschen Vorliebe für Fäkalien ist es hier vor allem der sexuelle Akt, der zu einer weiteren großen Vielfalt an Wendungen und Wörtern führt. Als Anglizismen bringen sie eine gewisse Abwechslung in den deutschen Sprachgebrauch. Berühmtestes Beispiel ist wohl „fuck“, im Duden nur unter „F-Wort“ zu finden und dort übersetzt mit „verdammt“, „Mist“. Aufmerksame Ohren kennen außerdem „Motherfucker“ und „Fuck you!“. Aus Letzterem wird im Deutschen „Fick dich!“ und in geradezu surrealer Anmutung: „Fick dich ins Knie!“
Doch es geht auch vordergründig sanfter. Ebenso wie das „F-Wort“ seine Vollform nicht gleich preisgibt, können deutschsprachige Wörter ihre wahre Natur geschickt verhüllen, zum Beispiel der „Scheibenkleister“ (für „Scheiße“). Hier blieb nur die Anfangssilbe „Schei“ als Relikt seines Ursprungs erhalten. Das umgangssprachliche Adjektiv „verflixt“ klingt ebenfalls harmloser als „verdammt“. Ferner möchten die Hüllwörter „Blödmann“ und „Mistkerl“ das drastische „Scheißkerl“ vermeiden. Sofern man die Tierwelt bemüht, darf es für Damen die „blöde Ziege“ oder die „dumme Kuh“ sein, während Herren auf ein Adjektiv verzichten müssen: „Schwein“, „Esel“. Für beide Geschlechter gleichermaßen eignen sich „Waschlappen“, „Schwächling“, „Dummkopf“ oder „Flasche“, um nur wenige Beispiele zu nennen.
Weit entfernt von mehr oder weniger drastischen Schimpfwörtern ist die Hassrede (engl. hate speech). Bei ihr handelt es sich um verbal aggressive Angriffe in den digitalen Medien. Hater diskriminieren eine einzelne Person oder eine Gruppe, indem sie diese aufgrund ihrer Hautfarbe, sozialen Stellung, sexuellen Orientierung, Behinderung, Religion, ihres Geschlechts oder Alters herabwürdigen. Meist anonym verherrlichen sie außerdem Gewalt oder drohen sie an oder leugnen den Holocaust. Manche Äußerungen lassen sich strafrechtlich verfolgen, andere nicht. Vor allem in einem Sturm der Entrüstung („Shitstorm“), wie er sich rasch in den sozialen Netzwerken verbreitet, treten diese Entgleisungen als Kommentare auf. Für Menschen, gegen die sich solche sprachlichen Angriffe richten, ist das eine belastende Situation – vor allem für Kinder und Jugendliche.
Seit dem öffentlichen Wutausbruch von Clemens Meyer aus Enttäuschung, den Deutschen Buchpreis 2024 nicht erhalten zu haben, wissen wir: Sogar Literaten beherrschen mitunter eine niedere Wortwahl. Doch wäre es nicht zuletzt für jeden selbst gut, seine Aggression in den Griff zu bekommen? Meyer wäre jedenfalls die unschöne Häme, die dann folgte, erspart geblieben. Wie ich aus eigener Erfahrung weiß, kann der Alltag auch ohne Schimpfwörter, Flüche und Hasskommentare funktionieren. Zugegeben: Wenn ich mit dem Rad unterwegs bin und ein Auto mir die Vorfahrt nimmt, ist schon ein empörtes „Haaalo? Geht’s noch?“ möglich. Das genügt doch völlig.